Demografiekongress 2020: Vom nachhaltigen Produzieren profitieren Umwelt und Mensch

Klimawandel und Umweltzerstörung haben direkte Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Wie sich nachhaltiger und ökologischer produzieren lässt und welche Rolle die demografische Entwicklung dabei spielt, diskutierte Experten auf dem als Hybridkongress veranstalteten 12. Demografiekongress am 10. und 11. September 2020 in Berlin.

Auch Corona ist Folge der Umweltzerstörung. Das betonte Kongresspräsident Ulf Fink in seiner Eröffnungsrede. Die Verbreitung von Zoonosen wie dem SARS-CoV-2-Virus haben zugenommen; dazu tragen die Rodung der Wälder, die Zerstörung von Ökosystemen, der Abbau der schützenden Artenvielfalt und der intensive Fleischkonsum bei.

Töpfer fordert ordnungsrechtliche Maßnahmen

Wassermangel und Erosion in Folge der intensiven Landwirtschaft zerstören Ackerfläche - dabei ist im Humus weltweit doppelt so viel CO2 gespeichert wie in der Atmosphäre. Der Anstieg von CO2 in der Atmosphäre wiederum bedingt die Erderwärmung und die mit gesundheitlichen Risiken verbundenen Hitzeperioden.

Prof. Klaus Töpfer, Gründungsdirektor des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam, fordert von der Politik daher „eine klare ordungsrechtliche Maßnahmenpalette, um den CO2-Ausstoß zu verringern“ und den „technologischen Switch“ zur Energiegewinnung aus Wasserstoff anzustoßen.

Neue Technolgien zur Energiegewinnung

Die westlichen Gesellschaften müssten sich von der Wegwerfwirtschaft zur Kreislaufwirtschaft entwickeln. Töpfer zitierte dazu einen Spruch des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan: „Wohlstand aufgebaut auf der Zerstörung der Umwelt ist kein wirklicher Wohlstand.“

Der einstige Bundesumweltminister nahm auch das Globale in den Blick. So das Ungleichgewicht zwischen dem Bevölkerungswachstum und dem geringen Bruttosozialprodukt in Afrika. Ein wichtiger Faktor, um dort eine bessere wirtschaftliche Basis zu schaffen, sei Energie.

Kernenergie und fossile Energie kämen nicht in Frage, nötig seien „arbeitsintensive und kapitalextensive Technologien“. Hier ist auch die erste Welt gefragt, intensiver an erneuerbaren Energien und entsprechenden Technologien zu forschen, die in Afrika adaptiert werden könnten.

Mehr Wohlstand, weniger Naturverbrauch

Ist eine erfolgreiche Klimapolitik im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft möglich? Ja, meint Ralf Fücks, Bündnis 90/Die Grünen, ehemaliger Senator und Gründer des Think-Tanks Zentrum Liberale Moderne Berlin. Fücks Formel lautet: „Mehr Wohlstand mit weniger Naturverbrauch durch eine Effizienz-Revolution“. Ein Beispiel sei der Ersatz der Glühbirne durch LED-Birnen, die 70 bis 80 Prozent weniger Energie verbrauchen.

Mehr bewegen, statt sich bewegen zu lassen

Auch das Gesundheitssystem ist an CO2-Emissionen beteiligt, räumte Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, ein. Konkret reduzieren ließen sich diese durch energieeffizientere Klinikneubauten, weniger Abfall und weniger Einmal-Produkte im Klinik-Alltag. Auch gesamtgesellschaftlich sieht sie ihre Zunft in der Pflicht: „Wir als Ärzte sind mitverantwortlich dafür, die Umweltbedingungen zu verbessern.“

Dazu gehöre es, die Menschen dazu anzuhalten, sich zu bewegen statt sich „von einem Gefährt bewegen zu lassen.“ Auch der Einzelne übernimmt Verantwortung: „Die, die jetzt konsumieren, leben auf Kosten der Zukunft. Der Klimawandel ist hier und jetzt.“

Was der Umwelt schadet ist billig

Dr. Prinz Felix zu Löwenstein, Landwirt und Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, rief zum Nachdenken darüber auf, „wie wir mit dem umgehen, was wir erzeugen“. Er forderte, „nicht mehr 200 Prozent zu produzieren, um 100 Prozent wegzuwerfen“. Nahrungsmittel würden nicht das kosten, was sie wirklich kosten. „Das was der Umwelt schadet ist billig, das was nicht schadet, ist teuer“ - zum Beispiel beim Fleisch aus Massentierhaltung oder ökologischer Landwirtschaft. „So kann das nicht funktionieren.“

Mehr Bio-Essen in den Kliniken

Mehr Bio-Essen in Kliniken wünscht sich Frank-Michael Frede, Vorsitzender der Geschäftsführung des Dienstleistungsunternehmens procuratio in Erkrath. Auch in den Krankenhausküchen könne auf Nachhaltigkeit geachtet werden. “Bislang lautet das Diktat: Billigst einkaufen.“ Doch für die Patienten sei es wichtig, dass das Essen werthaltig ist - beispielsweise viele Vitamine und Mineralstoffe enthält. Dann müssten auch nicht 400 g auf dem Teller liegen, von denen meist etwas übrig bleibt und im Abfall landet. Sein Vorbild ist Kopenhagen, in dem in fast allen Gemeinschaftseinrichtungen nur noch mit Bio-Produkten gekocht wird.

Veränderungen durch den Preis oder Gesetze?

Uneins war sich das Podium, ob sich Veränderungen eher durch Gesetze oder Preise herbeiführen lassen. Ein vereinfachtes Beispiel: Soll konventionell erzeugtes Fleisch teurer oder bestimmte Haltungsmethoden verboten werden? Töpfer meint: „Ein Rechtsstaat hat Dinge durch Rechtsetzung zu regeln. Wir müssen dem Markt Grenzen setzen“. Fücks entgegnet: “Unsere Welt ist zu komplex, um sie durch Ordnungsrecht zu regeln.“ So werde es beispielsweise einen technologischen Schub erzeugen, die CO2-Emissionen und zu deckeln und zu bepreisen. „Märkte sind intelligente Suchsysteme“.

Solch eine Bepreisung oder Vollkostenrechnung, die auch die ökologischen Kosten der Herstellung in die Preiskalkulation einbezieht, treffe auch den medizinischen Bereich, sagt Johna. „Lassen wir unsere Antibiotika billig in Indien produzieren, nehmen wir in Kauf, dass sie ins Grundwasser geraten und Resistenzen erzeugen.“ Hier könnte aber auch das geplante Lieferkettengesetz greifen, ergänzte Löwenstein. Das soll deutsche Unternehmen dazu verpflichten, darauf zu achten, dass bei der Herstellung im Ausland soziale und ökologische Mindeststandards eingehalten werden.

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Eröffnungsrede Demografiekongress 2020

Ulf Fink, Senator a.D., Kongresspräsident, am 10.9.2020


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zum 12. Deutschen Demografiekongress. Der Demografiekongress wird erstmals hybrid veranstaltet, nämlich als Präsenzveranstaltung vor Ort und zugleich als digitaler Kongress mit Live-Streams aller Kongressforen. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie gelten hier im dbb forum alle Hygiene- und Abstandsregeln. Die Raumluft wird vier Mal pro Stunde komplett durch Frischluft ersetzt. Nach jedem Forum werden die Räume zusätzlich nach außen entlüftet.

Grundlegende Idee des Demografiekongresses ist die Gestaltung einer Gesellschaft des langen Lebens. Dies bleibt weiterhin ein zentrales Zukunftsthema und Markenzeichen des Demografiekongresses. Dem tragen wir Rechnung durch die Erörterung der wichtigen Themen Personalgewinnung und -entwicklung, Digitalisierung und Robotik, Altersmedizin und Pflege sowie kommunale Gestaltung des demografischen Wandels.

Die Corona-Pandemie ist für uns alle ein tiefer Einschnitt. Fast einhundert Jahre nach der so genannten Spanischen Grippe sind wir erneut mit einer Pandemie konfrontiert, die vor allem eines zeigt: Jeder von uns ist verwundbar! Deshalb wollen wir auf diesem Kongress erörtern, wie unsere Sicherheitsarchitektur in Medizin und Pflege gerade mit Blick auf die ältere Bevölkerung verbessert werden kann und wie wir uns auf weitere Pandemien ausreichend vorbereiten.

Wir müssen deshalb über den Tellerrand der Medizin, der Pflege und Gestaltung des demografischen Wandels hinausblicken. In den letzten zwei Jahrzehnten haben zoonotische Erreger, die von Tieren auf Menschen überspringen können, weltweit deutlich zugenommen. Beispiele sind: SARS 1, MERS, Vogelgrippe, Schweinegrippe und jetzt das SARS-Cov-2 Virus. Ursächlich hierfür ist unser Lebensstil. Beispielsweise führt die zunehmende Rodung von Wäldern – zwecks Steigerung der Fleischproduktion – Menschen und Wildtiere mit all seinen Gefährdungen näher zusammen.

Die Biodiversität ist das Immunsystem der Erde. Die WHO hat in den letzten Jahren mehrfach eindringlich davor gewarnt, dass die Verbreitung von Krankheitserregern durch den Klimawandel, die Zerstörung von Ökosystemen und die intensive Landnutzung zunehmen. Immer einheitlichere und industriell geprägte Landwirtschaftssysteme mit globalen Lieferketten zerstören die Brandmauern der Artenvielfalt.

Aus alledem folgt: Der sehr erfolgreiche Anstieg der Lebenserwartung der Menschen global und die dadurch gewonnenen Jahre für viele Menschen sind durch unser eigenes Handeln bedroht. Jedem muss klar werden: Ein langes Leben ist nur unter Beachtung der natürlichen Lebensgrundlagen möglich.

Wir brauchen wirksamere Maßnahmen gegen den Klimawandel und für den Erhalt der Artenvielfalt. Das menschliche Leben auf der Erde ist untrennbar mit der Sicherung der ökologischen Lebensgrundlagen verbunden. Und, das ist mir besonders wichtig: Die Reduzierung des Anstiegs der Erderwärmung ist konkrete, unmittelbar wirkende Gesundheitspolitik. Gerade ältere und chronische kranke Menschen sind durch die Erderwärmung und die damit verbundene Hitze sehr gefährdet.

Wir diskutieren auf diesem Kongress die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Demografie, Klimawandel und den Chancen einer nachhaltigen Entwicklung. Ein Sektor ist dabei besonders wichtig: die Landwirtschaft. Zum einen gefährdet der Klimawandel durch Wassermangel und Erosion die weltweit nutzbaren Grün- und Ackerflächen; es drohen im 21. Jahrhundert erhebliche Verteilungskonflikte um Nahrungsmittel.

Zum anderen müssen wir eine ökologische und regional ausgerichtete Landwirtschaft entwickeln. Dieses Handlungsfeld verknüpft Ernährungssicherung und gesunde Ernährung mit der Kohlenstoffspeicherung durch Humusbildung im Boden. Im Humus des Bodens ist weltweit doppelt so viel Kohlstoff gespeichert wie in der Atmosphäre. Seit vielen Jahren wird dieser Kohlenstoffvorrat vermindert und reichert den CO2-Gehalt der Atmosphäre an. Dieser schädliche Kreislauf muss durchbrochen werden. Durch die richtigen ordnungspolitischen Konzepte kann eine Bio-Landwirtschaft marktwirtschaftlich entwickelt werden. Und Studien zeigen, dass sich die Produktivität der Bio-Landwirtschaft im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft weiter verbessert.

Zur Einführung in das gesamte Thema konnten wir den ausgewiesenen Experten, ehemaligen Bundesumweltminister und Gründungsdirektor des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung, Prof. Dr. Klaus Töpfer, gewinnen. Lieber Klaus, sei herzlich willkommen. Vor der Fülle seiner Ämter und Auszeichnungen möchte ich nur seine Funktion als Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen erwähnen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion werden wir dieses Thema mit weiteren interessanten Gesprächspartnern vertiefen. Wir freuen uns sehr über die Mitwirkung so vieler an diesem Kongress, hier vor Ort oder auch im Rahmen der Live-Streams. Sie können jederzeit Fragen an die Mitwirkenden stellen und die Diskussion mit beeinflussen.

Besonders bedanken möchte ich mich bei den Sponsoren des Kongresses, die uns trotz Corona die Durchführung ermöglichen! Ich freue mich auf einen spannenden Kongress.