Eröffnungsrede Demografiekongress 2019

Ulf Fink, Senator a.D., Kongresspräsident, am 5.9.2019


Sehr geehrte Damen und Herren,

immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Fachkräftemangel, alternde Gesellschaft und Digitalisierung die Unternehmen der Sozialwirtschaft und die Kliniken enorm fordern werden. Diese drei Herausforderungen greifen ineinander und können nicht isoliert betrachtet oder gar einzeln gelöst werden.

Unser Anliegen ist es, mit Hilfe des Demografiekongresses Antworten zu finden und interessante Praxisprojekte vorzustellen.

Impressionen vom Demografiekongress 2019

Beim Fachkräftemangel gibt es meines Erachtens drei sichere Befunde. Erstens: Wir müssen mit weniger Personal mehr Menschen im Gesundheitssystem versorgen. Das zwingt beispielsweise dazu, die Anzahl der Kliniken auf das notwendige Maß zu begrenzen. Wir brauchen mehr Zentralisierung und Qualität in der stationären Versorgung und eine bessere Arbeitsteilung zwischen den Kliniken und den ambulant tätigen Ärzten. Notwendig ist eine regionale Versorgungsplanung über die Sektorengrenzen hinweg unter Beteiligung der Kommunen. In der Pflege müssen wir über die Sinnhaftigkeit einer hohen Fachkräftequote sprechen und endlich Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen in Angriff nehmen. Zweitens: Wir brauchen mehr Zuwanderung von Fachkräften. Manche Krankenhäuser arbeiten bereits heute mit Menschen aus 80 Nationen. Als Gesellschaft stehen wir vor der großen Herausforderung, kulturelle Vielfalt als Normalität und Chance anzuerkennen. Drittens: Die Potentiale des einheimischen Arbeitsmarktes sind zu erschließen: Vollzeit statt Teilzeit und eine weitere Steigerung der Anzahl der Erwerbstätigen beispielsweise. Und es darf nicht sein, dass so viel junge Menschen hierzulande die Schule und Ausbildung abbrechen.


In einer alternden Gesellschaft wird die Nachfrage nach medizinischer und pflegerischer Unterstützung deutlich steigen. Der Wettbewerb um die Fachkräfte zwischen den Branchen aber auch innerhalb der Pflege zwischen Altenhilfe und Krankenpflege verschärft sich drastisch. Attraktiv kann die Pflege nur sein, wenn sie attraktive Arbeitsbedingungen bietet. Das ist sicher mehr als Geld, aber eben auch attraktive Entlohnung. Die Mehrkosten etwa der Angleichung der Gehälter der Altenpfleger an die der Krankenpfleger und bundesweit einheitliche Personalzahlen müssen auch über höhere Eigenanteile mitfinanziert werden. Hier stoßen wir aber an Grenzen. Finanz- und Strukturreformen in der Pflege und im Gesundheitssystem werden uns in den nächsten Jahren sehr beschäftigen. Hierzu gehört nach meiner Überzeugung auch, die eigene Wohnung als Gesundheitsstandort zu erschließen. Viele medizinische Werte können zu Hause ermittelt und überwacht werden. Smart Home in Kombination mit Smart Cities wird die ambulante Medizin in die eigene Wohnung transportieren. Hierfür müssen wir die regulatorischen Voraussetzungen schaffen.

Im diesem Jahr stellen wir die Digitalisierung und die Sozialrobotik in den Mittelpunkt der Eröffnungsveranstaltung. Sozialroboter, also Systeme im Einsatz am und mit Menschen, sind nach dem Weltwirtschaftsforum eines der zehn technologischen Megatrends im 21. Jahrhundert. Durch die Digitalisierung und die Robotik steigt der Veränderungsdruck in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft. Beispielsweise drängen Anbieter mit digitaler Plattformstrategie und neuen Mitarbeiterkonzepten in den Pflegemarkt. Viele in Gesundheits- und Sozialunternehmen glauben, sie seien von Disruption nicht betroffen. Ich halte das für eine Fehleinschätzung, die im Zweifel existenzgefährdend sein kann.

Digitalisierung ist auch eine große Chance zur Sicherung der Versorgung in ländlichen Regionen. Telemedizin, die rollende Arztpraxis oder Videosprechstunden helfen, ärztliches Know-How überall zur Verfügung zu stellen. In Nordrhein-Westfalen soll ein virtuelles Krankenhaus entstehen und im Krankenhausplan aufgenommen werden. Spitzenmedizin soll überall in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung stehen. Das sind faszinierende Entwicklungen.

Ich freue mich, dass zunächst Dr. Norbert Reithinger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz uns erläutern wird, was KI zur Bewältigung des demografischen Wandels leisten kann. Danach wird Prof. Sami Haddadin vom Lehrstuhl für Robotik und Systemintelligenz an der TU München darstellen, was Roboter in Medizin und Pflege leisten können. Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Bildung und Forschung stellt uns vor, wie die Bundesregierung diesen Transformationsprozess unterstützt und begleitet. Danach werden wir die Chancen von Robotik und Digitalisierung in Medizin und Pflege in einer Diskussionsrunde mit weiteren Akteuren vertiefter betrachten.

Unser Dank gilt allen Sponsoren, ohne die der Demografiekongress nicht möglich wäre! Ich freue mich auf einen spannenden Kongress.

 

 

Schon jetzt vormerken: DGK 2020 am 10./11.09.2020